aktualisiert am 27.09.2018


Näher am Mann!?
Qualifizierung als Voraussetzung für gelingende Jungenarbeit in der Erziehungshilfe
von Reiner Wanielik


Hintergründe:
In Folge eines Bundesmodellprojekts 'Geschlechtsbewusste Jungenarbeit“ wurde 2000 die „Fachstelle Jungenarbeit Rheinland- Pfalz /Saarland“ beim PARITÄTischen Bildungswerk eingerichtet. Die Fachstelle versteht sich als Kontakt- und Informationsstelle zwischen Praxis, Theorie und Politik in der Jungenarbeit.


Als einer der ersten Schwerpunkte wurde das Projekt „Sexualpädagogische Jungenarbeit im Rahmen erzieherischer Hilfen – Fortbildungs- und Beratungsangebote für sozialpädagogische Fachkräfte“ entwickelt und durchgeführt. Dafür entscheidend war das hohe Interesse der MitarbeiterInnen und Leitungen von Heimeinrichtungen an geschlechtsbewusster, sexualpädagogischer Jungenarbeit, das während des Modellprojektes deutlich wurde.

Auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen werden die folgenden Überlegungen angestellt. Die Mitarbeiter der Fachstelle haben das o.g. Projekt dokumentiert und mit Unterstützung der BZgA eine Arbeitshilfe für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Erziehungshilfe mit dem Titel „Sexualpädagogische Jungenarbeit in der Heimerziehung“ herausgebracht (1).

Warum Qualifikation in Jungenarbeit?

In den verschiedenen Arbeitsformen der erzieherischen Hilfen (stationäre Wohngruppen, teilstationäre Wohngruppen, Tagesgruppen, Jugend-wohngemeinschaften) wurde und wird verstärkt die Auseinandersetzung mit der Geschlechterrolle als Grundlage des Verstehens und die Ausgestaltung der Geschlechterrolle als Grundlage des pädagogischen Handelns von Kindern und Jugendlichen erkannt. Daneben entstehen vermehrt Jungen-Wohngruppen (bewusst zusammengestellt oder aufgrund der verstärkten Heimunterbringung von Jungen entstanden) und gruppenübergreifende sexualpädagogische Angebote für Jungen.

Alles gute Gründe sich im Erziehungsalltag und darüber hinaus in der Fortbildung von Fachkräften mit diesem Thema ausführlich zu beschäftigen.
Jungen erleben auf dem Wege ihres Heranwachsens zahlreiche Demütigungen, bezogen auf ihren Körper (Na, Kleiner..., du halbes Hemd, Hühnerbrust, Spargeltarzan) und ihre Sexualität (Wichser, große Sprüche und nix in der Hose, du kriegst doch eh keinen hoch). Demütigungen werden nicht nur von anderen, älteren Jungen, sondern auch von gleichaltrigen Mädchen, Männern und auch Frauen erfahren. Das Spannungsverhältnis zwischen männlich-sein-wollen und als Milchbubi angesprochen werden, ist manchmal schier unaushaltbar. Schon wieder fünfmal onaniert zu haben, keine Freundin zu haben oder beim Blick in den Spiegel weder Waschbrettbauch noch Drei-Tage- Bart zu erblicken, bedeutet für Jungen oft Beschämung oder Niederlage. Stolz auf ihre wachsende Männlichkeit, ihre Vitalität und Potenz können nur wenige Jungen empfinden und wenn, wird er von der Umgebung nicht geteilt, sondern eher bespöttelt.

Geschlechtsbewusster Pädagogik geht es darum, Jungen vielfältige Perspektiven und eine Erweiterung ihres Erlebens- und Handlungsspektrums zu ermöglichen. Wenn bei der Arbeit mit Jungen das Einstudieren von Benimmregeln für den Umgang mit Mädchen oder weiblichem Pädagogikpersonal im Mittelpunkt steht, ist ein erreichen diese Ziele jedoch kaum möglich.

Jungen sind besonders

Jungen haben als Gruppe oft keinen spezifischen Leidensdruck. Ihnen fehlt die nötige Reflexionskompetenz und –bereitschaft zum Nachdenken darüber, dass ihr Unwohlsein, ihr Elend und ihre Angst etwas mit ihrer Geschlechtsrollensozialisation zu tun hat. Jungen erleben dies mehr als individuelles Versagen oder als Ergebnis der Konkurrenz mit anderen Jungen. Jungen haben oft nicht gelernt in sich hinein zu horchen und ihr Innenleben wahrzunehmen. Es fehlt Jungen häufig an Formen der Sozialkompetenz, die eine Gruppenarbeit, die sie zum Fokus hat, erst möglich machen. In der Gruppe über eigene Gefühle zu reden, Unsicherheiten zuzugeben und auszuhalten sowie Konflikte ohne Gewalt zu klären, ist zumindest schwierig.

Viele Jungen, die in den Einrichtungen der Jugendhilfe seit Jahren zu Hause sind, haben erhebliche Schwierigkeiten bei der Findung einer Geschlechterrolle, die sich den gewünschten „neuen“ Verhaltensnormen geschmeidig anpasst. Viele Jungen haben diffuse Bilder einer alten patriarchalischen Geschlechterordnung im Kopf und hängen Ideologien wie „der Mann ist der Herr im Haus“ nach. In der postmodernen Gesellschaft werden diese Rollenvorstellungen jedoch nicht mehr akzeptiert oder sie sind bedeutungslos geworden.
Jungen sind, zumindest in der Zeit ihrer Pubertät, stark mit ihrer Sexualität und der Suche nach Männlichkeit beschäftigt. In der phantasierten oder gelebten Sexualität beweist sich ihre Männlichkeit. Diese Beschäftigung und manchmal auch Fixierung auf Sexualität findet ihren Ausdruck unabhängig von Herkunft, Ethnie, Lebens- und Wohnform der Jungen. Im Heimalltag erleben Erzieher und Erzieherinnen dies oft intensiver und geballter als Vater und Mutter in der Familie. Die Dynamik der Gruppe, das sich gegenseitige verbale Übertrumpfen der Jugendlichen gibt ihnen eine Form der Energie und auch Definitionsmacht über Themen, die in einer Kleinfamilie selten möglich ist. Die ausdrucksstarke Beschäftigung von Jungen mit Sexualität, Erotik und Körperlichkeit ist aber keineswegs ein Defekt oder nur mit der Zuschreibung „sexualisiertes Verhalten“ einzuordnen und fassbarer zu machen. Natürlich gewinnt Sexualität für manche Jungen, vor dem Hintergrund ihrer lebensgeschichtlichen Erfahrung, eine besondere Bedeutung.
erletzungen und Defizite werden wie unter einem Brennglas sichtbarer.

Jungen in der Pubertät sind nicht mehr das, was sie einmal waren - kleine Jungen. Und noch nicht das, was sie einmal werden sollen - große Männer. Sie sind mittendrin und voll daneben, voll sprühendem Witz und unangenehmen Bemerkungen. Sie stehen jetzt häufig unter dem Zwang ihre Heterosexualität zu beweisen, mit der Abwertung alles Weiblichen, übertriebenem männlichen Gehabe und dem Verächtlich-Machen von Abweichlern als Schwule oder Tunten. Jungen deren erotische Phantasien mehr um andere Jungen kreisen, stehen oft unter einem enormen Druck. Entweder Selbstverleugnung oder sozialer Tod in der Gruppe scheinen oft die einzigen Möglichkeiten für sie zu sein.

Die normale Entwicklung eines Jungen bedingt Ideen, Konzepte und Taten zu produzieren, die über die eigene Person und ihre Unzulänglichkeit hinausführen, an denen die Person wachsen kann und durch die sie gefordert ist. Diese überindividuellen Herausforderungen sind oft an Mythen und sagenhaften Vorstellungen geknüpft. Heldentum, Unverwundbarkeit, Überlegenheit und ein in den Dienst der größeren Sache stellen, drücken dies oft aus. Heute wollen Jungen natürlich keine Abenteurer, Astronauten oder gar Soldaten mehr werden. HipHop Star oder GangstaRapper sind Projektionen die passen. Hier kommt auch gleich der Nimbus des unwiderstehlichen Frauenschwarms hinzu, dessen Potenz für mehr als Eine reicht.

Was macht die Jungenarbeit, wenn die PädagogInnen kommen?

Die Arbeit an den oben beschriebenen Themen unter den genannten Bedingungen erfordert eine hohe Reflexions- und Handlungskompetenz seitens der PädagogInnen. Die Themen Männlichkeit/Weiblichkeit, Sexualität und Beziehungen sind heiße Eisen; sie verlangen nach intensiver Vorbereitung, kollegialer Beratung, Klärung und Abstimmung im Team. Offenheit und demonstrative Lockerheit im Umgang mit „gefühligen“ und sexuellen Themen reichen nicht aus, um im komplexen und dynamischen Alltag einer Wohngruppe als PädagogIn gute Arbeit zu leisten. Eines der Prinzipien von Jungenarbeit ist, dass sie von Männern gemacht werden muss. Bei der Verhandlung der Themen Männlichkeit, Partnerschaft, Sexualität und Beziehungen mit Jungen spielen Frauen jedoch eine wichtige Rolle.

Männern und Frauen wird empfohlen, sich zur Vorbereitung und Standpunktklärung mit der eigenen (sexuellen) Biographie als Mann oder Frau auseinander zusetzen. Interne Fortbildung mit externen, qualifizierten Jungenpädagogen oder das Wahrnehmen von Fortbildungsangeboten von Einzelnen sind Möglichkeiten fachlicher und persönlicher Entwicklung.

Fragen zur Selbstreflexion können sein:

- Wie sieht eine gelungene Beziehung zwischen Jugendlichen aus?
- Gibt es einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen sexuellen Ausdrucksformen?
- (für PädagogInnen) Welchen Einfluss haben (sexuelle) Erfahrungen in meiner Mädchenzeit mit Jungen beim heutigen Umgang mit ihnen?
- (für Pädagogen) Welchen Einfluss haben (sexuelle) Erfahrungen in meiner Jungenzeit mit Jungen beim heutigen Umgang mit ihnen?
- Wie erlebe ich mich als Mann, Frau in meiner Geschlechterrolle, meiner Körperlichkeit? Bin ich zufrieden, unzufrieden?
- Welche Ansprüche habe ich an meine Verhaltensweisen?
- Welche Normen und Werte in Bezug auf das Zusammenleben der Geschlechter sind für mich warum wichtig?
- Genieße ich mein Mann-Sein /Frau-Sein oder erlebe ich es eher als problematisch?
- Werte ich männliche/weibliche Sexualität offen oder heimlich ab?

Für PädagogInnen kann es wichtig sein, die eigene Adoleszenz mit ihren Brüchen, Verletzungen, aber auch strahlenden Momenten noch einmal wahrzunehmen und mit der Kenntnis von Unsicherheiten in der je eigenen Entwicklung in Kontakt mit den Jungen zu gehen.

Selbstreflexion und persönliches Wachstum

Es ist mittlerweile unumstritten, dass gelingende Jungenarbeit weniger von Methoden als vom Medium des Jungenarbeiters lebt. Bewusste und unbewusste Überzeugungen, Haltungen, Phantasien und Ängste im Umgang mit Jungen prägen die Qualität der Jungenarbeit mehr als Wissen.

Jungen zu begleiten, sich in sie einzufühlen, mit ihnen zu streiten und ihre Gesellschaft zu teilen führt auch zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Mannsein: Wer bin ich als Mann? Wie bin ich in Beziehung zu anderen Männern und Frauen? Was will ich erreichen - für mich, für gesellschaftliche Verhältnisse, in der Arbeit mit Jungen? Warum fällt mir manches so schwer und wie kann ich etwas verändern?

Was soll Mann Jungen also heute mitgeben zur Orientierung? Was brauchen Jungen, um sich, ihre Zukunftsvorhaben, ihre Beziehungen, ihre Sexualität als lust- und kraftvoll zu erleben? Wie viel Konfrontation, Grenzen-Setzen und liebevolle Begleitung brauchen sie, um selbst- und verantwortungsbewusste Männer zu werden? Dieselben Fragen, bezogen auf ihre Weiblichkeit und Geschlechterrolle, stellen sich natürlich auch für weibliche Fachkräfte.

Die Erkenntnis, dass das eigene Geschlecht, die Rolle als Mann oder Frau die Gestaltung von Beziehungen zu Jungen erheblich mit bestimmt, ist trotz ihrer Banalität in ihren Auswirkungen immer wieder erstaunlich. Die Alltagsroutine zwingt die pädagogischen Fachkräfte oft dazu, über Selbstverständlichkeiten nicht mehr nachzudenken. Umso deutlicher wird bei selbstreflexiven Seminarbausteinen, welche Potentiale für Teams und Einzelne in der organisierten Auseinandersetzung mit Alltäglichem in der Arbeit stecken. Ein neuer Blickpunkt auf Jungen bringt manchmal auch eine neue Perspektive im Umgang mit ihnen.

Kompetenzen für den pädagogischen Alltag lassen sich am besten in der Rückkoppelung von Theorie und Praxis erwerben. Theoretische Hintergründe und praktisches Know-how stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern müssen sich ergänzen: Was theoretisch möglich ist, muss sich in der Praxis erst als durchführbar erweisen. Und was praktisch gemacht wird, muss Leitungspersonen und Geldgebern gegenüber - auch theoretisch - erklärbar sein.

Gerade mehrteilige Fortbildungen bieten einen geeigneten Platz für die Erweiterung praktischer wie theoretischer Kompetenzen, da das Gelernte in den verschiedenen Fortbildungsphasen immer wieder auf Theorie- und Praxistauglichkeit überprüft werden kann. Für die Teilnehmer besteht dann z.B. die Möglichkeit, eigene Praxisprojekte vorzustellen und die Fortbildungsgruppe als kollegiales Beratungsforum zu nutzen.

Auch ein fortbildungsbegleitendes Literaturstudium kann in einer mehrteiligen Fortbildung zum Kennen lernen und zur vertiefenden Auseinandersetzung mit verschiedenen Grundannahmen und Konzepten von Jungenarbeit dienen. Die Teilnehmenden von Fortbildungsmaßnahmen sollten dazu befähigt werden, diese qualifiziert zu beurteilen und auf die eigene Arbeit beziehen zu können.

Methoden und Arbeitsformen von Fortbildung

In der Fortbildungsarbeit sollten Methoden aus der Gruppenarbeit, TZI, Körperarbeit und Rollenspiel Anwendung finden. Sie sollten teilnehmerzentriert, sowohl den Intellekt als auch die Sinne ansprechend, und praxisorientiert sein.

Methoden der Jungenarbeit sollten, um ihren Einsatz in der Praxis der Teilnehmenden zu sichern, so oft wie möglich selbst ausprobiert, auf ihre Wirkung hin überprüft und bewertet werden. Das gemeinsame und persönliche Erleben im Lernen ist ein wichtiges Potential einer Fortbildungsgruppe. Fortbildungen zur Jungenarbeit sollten die Kreativität und Experimentierfreude, den Forschergeist und die Abenteuerlust der Teilnehmenden anregen, um sie für eine lebendige, ideenreiche Jungenarbeit zu stärken.


(1) Die Arbeitshilfe ist zum Preis von 7,50 EUR (zzgl. Versandkosten) erhältlich beim PARITÄTischen Bildungswerk Landesverband Rheinland-Pfalz / Saarland e.V., Feldmannstraße 92, 66119 Saarbrücken oder www.jungenarbeit-online.de.

Reiner Wanielik, Wiesbaden, Jahrgang 1957
Erzieher, Dipl.-Sozialpädagoge, selbstständiger Bildungsreferent
Mitarbeiter der Fachstelle für Jungenarbeit
Vorsitzender des Instituts für Sexualpädagogik

  Kommentar Drucken