aktualisiert am 27.09.2018


Is` mir doch egal!
Fußballregeln sind nicht alles, was Jungen brauchen
von Reiner Wanielik

Dieser Artikel ist erstmals im Juli 1998 in der Fachzeitschrift 'TPS - Theorie und Praxis der Sozialpädagogik' erschienen.

Regeln sind für Mädchen und Jungen gleichermaßen wichtig! Um Entwicklung überhaupt möglich zu machen, braucht es verbindliche Absprachen, an die sich Kinder halten können und Erwachsene halten müssen. Ohne Regelverletzungen gäbe es allerdings keine gesellschaftliche Entwicklung. Der Status quo wäre ein für allemal zementiert. Entwicklung braucht also auch das Brechen und neu Aushandeln von Regeln.



Die folgenden, für Jungen Partei ergreifenden Überlegungen können aufgrund der Komplexität des Themas 'Jungen und Regeln' nur Streiflichter und Diskussionsanregung sein. Wenn von Regeln die Rede ist, ist nicht, die sich autoritär durchsetzende Erwachsenenmacht und auch nicht die psychologisch gekonnt eingefädelte Überredungsstrategie gemeint.


Einige Regeln über Regeln

1. Jungen mögen Regeln. Sie bieten Ihnen erst die Möglichkeit ihre Potenziale zu entfalten.
2. Jungen mögen es Regeln zu verletzen. Auch dies bietet ihnen die Möglichkeit ihre Potenziale zu entfalten.
3. Regeln müssen begründet und nachvollziehbar für den einzelnen Jungen sein.
4. Jungen brauchen klare Orientierungen.
5. Emotionale Erpressungen, als Regel getarnt, machen auch Jungen.krank und unglücklich.
6. Es braucht für Jungen immer wieder Zeiten und Räume, in denen manche Regeln außer Kraft gesetzt sind.
7. Regeln müssen 'mitwachsen', also von Zeit zu Zeit überprüft werden, sowohl von den Erwachsenen, als auch von den Jungen, damit sie nicht starr und lebensfeindlich werden.
8. Das eigene Verhältnis des Erwachsenen zu Macht, Autorität und Verantwortung bestimmt die Durchsetzungsfähigkeit, aber auch Gelassenheit, bei Vereinbarung und Kontrolle von Regeln.

Die Ursachen von Regelverstößen durch Jungen sind vielfältig. Der allgemeine Erziehungsstil der Eltern, Bindung an Vater und/oder Mutter, Stand in der Geschwisterreihe, körperliche und geistige Entwicklung, die Rolle in der Gruppe, ob schwarzes Schaf oder Prinz, sind nur einige Einflussfaktoren.

Jungen haben gegenüber Erwachsenen eine Art Radar, der sie herausfinden lässt, ob es sich lohnt, Widerstand zu leisten, Regeln zu missachten oder ob Respekt angebracht ist.
Besteht ein innerer Kontakt zu ihnen, lassen sich Regeln besser vereinbaren. Auch schon kleinen Jungen gegenüber ist es schwer, sie zu täuschen.

Jungen müssen, genau wie Mädchen, im Erziehungsalltag lernen Regeln einzuhalten. Das Einsehen in die Notwendigkeit des Einhaltens von Regeln ist altersabhängig. Ein Vierjähriger hat nicht die Einsicht in die komplexen Zusammenhänge eines funktionierenden Gruppenlebens geschweige denn in die Ursache - Wirkung- Mechanismen seines Verhaltens.

Schuljungen wissen dagegen meist ziemlich genau; wenn sie die Regeln verletzt haben; und sind oft erstaunlich gut in der Lage mit Erwachsenen und Gleichaltrigen Regeln auszuhandeln und sie im besten Fall auch einzuhalten.

Nette Jungen und böse Buben

Mütter und Erzieherinnen wollen häufig, dass Jungen 'nette Jungen' sind und nette Männer werden. Selbstlos, hilfsbereit, nachdenklich und charmant, aber auch, wenn es sein muss, ein wenig durchsetzungsfähig, ein wenig wild. Jungen werden bis zu ihrem 10. Lebensjahr immer noch, zumindest in der öffentlichen Erziehung von Frauen erzogen und befürsorgt. Mütter, Kindergartenerzieherinnen, Grundschullehrerin. Vor der Einmischung von Männern ist man fast sicher. Ausnahmen gibt es, zum Glück immer mehr. Die bekannte Klage über die abwesenden Väter soll an dieser Stelle nicht geführt werden.

Es fällt auf, dass wenn es um Qualitäten geht, die Jungen haben oder antrainieren sollen, fast immer um Fühlen, Verstehen, Wahrnehmen und Reflektieren geht. Schaut man genauer hin entpuppt sich vieles als ein eher saft- und kraftloses Anpassungsprogramm. Die o.g. Qualitäten zu entwickeln ist für Jungen sicher ebenso wie für Mädchen wichtig, um überhaupt von Einfühlung und Akzeptanz getragene Beziehungen aufbauen zu können. Wird der pädagogische Alltag aber dergestalt verregelt, dass nur noch diese Dimension von Verhalten positiv sanktioniert wird, sind Jungen schnell überfordert.

Ihr Hunger nach Kräfte messen, sich beweisen und durchsetzen wollen, nach Abenteuer und Grenzerfahrungen muss auch gestillt werden. Um ihre Vitalität zu spüren, ihre eigenen 'dunklen' Seiten, bestimmt von Aggressivität und Allmachtsphantasien, anerkennen zu können, unternehmen auch kleine Jungen schon große Anstrengungen.

Weibliche Regeln in einer männlichen Welt

Regeln die Jungen im Erziehungsalltag kennenlernen sind häufig weibliche Regeln. Konfrontiert sind sie aber, ob durch Medien, Fußballverein, Peer-group oder innerfamiliär immer auch mit den Regeln der männlichen Welt 'da draußen'.

Regeln müssen einen Zusammenhang zu ihren Empfindungen in dieser Welt, ihren Phantasien, ihrem Mut und ihrer Verzagtheit haben. Viele Jungen müssen Regeln verletzen, weil sie ihr eigenes Selbst mit seinen unangepassten, 'dunklen' Seiten nicht verleugnen können. Sie stabilisieren manchmal ihr fragiles Selbstwertgefühl und ihre Identität über das Provozieren von Strafen durch Regelverletzungen. Um nicht auf den lieben, kooperativen Jungen festgelegt zu werden, der diese Anteile seiner Seele nur mit Schuldgefühlen, verbogen und abgetrennt leben kann, brauchen Jungen ErzieherInnen, die Einblick haben in die männliche Entwicklung und wissen, dass sich Jungenleben und -erleben in vielen Bereichen von Mädchenleben und -erleben unterscheidet.

Da Jungen sich zur Entwicklung ihrer Identität phasenweise von allem Weiblichen abgrenzen müssen, fällt es ihnen hin und wieder schwer, Regeln, die von Frauen gesetzt werden, widerspruchslos anzunehmen.

Wilde Jungenbanden

Schon im Kindergarten bilden Jungen 'Banden'. In der Schule wird dieses Verhalten dann noch ausgeprägter. Mit ihrer spezifischen Bandenmoral machen sie den Erwachsenen ganz schön zu schaffen. Während Mädchenbanden sich eher stiller beschäftigen, das Verfeinern von Kulturtechniken steht meist im Vordergrund, ziehen Jungen scheinbar ziellos durch die Räume oder die Umgebung. Erwachsene Männer kennen diese Umtriebigkeit aus ihrer eigenen Kindheit. Regelverletzungen gehören sozusagen zum Ehrenkodex dieser 'Banden' und Gruppen, um sich identifizieren zu können.

Regelverstöße von Jungen werden von Erwachsenen immer mit dem je eigenen moralischen Wertungsschema beurteilt. Ist in diesem Schema, bewusst oder unbewusst, die Formel enthalten: Mädchen/Frauen sind schwach/gut und Jungen /Männer sind stark/böse verhindert dies einen klaren Blick auf das tatsächliche Geschehen. Das starre entweder/oder und schwarz/weiß Denken verhindert Lösungen. Jungen erscheinen dann oft als diejenigen die einen friedlichen, geregelten Ablauf im Kindergarten oder Hort

Achtung vor dem Männlichen

Um Regeln gegenüber 'wilden' Jungen durchzusetzen braucht es eine Autorität, die als Grundlage auch Achtung und Respekt gegenüber dem Männlichen zeigt. Auf dem Hintergrund einer patriarchalen Gesellschaft, die Frauen in einigen Bereichen noch immer gegenüber Männern benachteiligt, fällt dies Frauen in der professionellen Erzieherinnenrolle nicht immer leicht. Es ist schwierig in laufende Konflikte von Jungen nicht einzugreifen und damit nicht ständig in die Schiedsrichterrolle zu kommen.

Das genaue, bewusste Hinsehen und eine von Achtung geprägte Auseinandersetzung mit der männlichen Realität hilft Jungen in ihrem Verhalten besser zu verstehen. Sonst werden Jungen zu oft, wie es eine genervte Erzieherin in einer Fortbildung es ausdrückte, als kleine Machos gesehen, die ihre Interessen rücksichtslos gegenüber Schwächeren durchsetzen.

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