aktualisiert am 27.09.2018


Wenn Jungen mit Jungen schmusen...
von Lothar Reuter
Dieser Artikel ist erstmals im September 2002 in der Fachzeitschrift 'TPS - Theorie und Praxis der Sozialpädagogik' erschienen.


Das Team des zweigruppigen Kindergartens in einer ländlichen Gemeinde hat seit zwei Jahren regelmäßig monatlich Supervision. Wie immer werden auch zu Beginn dieser Sitzung Fragen, Interessen und Wünsche für die heutige Sitzung benannt. Frau Haupenthal, eine 30-jährige Erzieherin, die schon seit ihrer Ausbildung in diesem Kindergarten tätig ist, möchte über den fünfjährigen Timo reden. Der Junge zeige ihrer Meinung nach seit einiger Zeit Verhaltensauffälligkeiten, durch die sie verunsichert würde. Die Kolleginnen im Team können sich diesem Interesse gut anschließen, sodass es in dieser Sitzung um Timo und sein Verhalten gehen wird.


Frau Haupenthal berichtet und stellt ihre Verunsicherung dar: Timo würde gerne und immer wieder gleich morgens an die Verkleidungskiste gehen und sich als Mädchen - am liebsten als Prinzessin - verkleiden. Er würde gerne Röcke und Kopftücher anziehen und am liebsten auch während des ganzen Vormittages anbehalten und damit auch raus ins Außengelände gehen. In der Schlussrunde würde er immer Dornröschen spielen wollen, weil er sich dann wieder verkleidet in der Mitte produzieren dürfe.

Sie habe auch beobachtet, dass er mit anderen Jungen schmusen wolle. Frau Haupenthal: 'Und es ist nicht nur beim Wollen geblieben, ich habe auch gesehen, wie er mit Tobias und Sebastian geschmust hat'. Hier müsse man doch irgendetwas unternehmen. 'Es kann doch nicht sein, dass man das einfach so laufen lässt. Wo soll das denn hinführen?'

In der weiteren Arbeit wird versucht, Timo und sein Verhalten zu verstehen. Dazu liefern auch die Kolleginnen von Frau Haupenthal ihre Erfahrungen und Beobachtungen: Timo sei ein ruhiger Junge, der weniger die aggressiven Spiele auf dem Außengelände bevorzuge, sondern eher die ruhigeren Spiele suche - oftmals zusammen mit Mädchen. Er sei zwar ein anhänglicher, trotzdem aber durchaus kein schüchterner oder ängstlicher Junge. Auf seine Art sei er auch sehr durchsetzungsfähig. Eine Kollegin merkt an, dass sie eine hohe soziale Verantwortung bei Timo beobachte, da er sich oft für Schwächere einsetze und sich gerne bereit erkläre, den an den Rollstuhl gefesselten Fabian zu fahren und zu begleiten.

Die Eltern von Timo besäßen die Pizzeria im Ort. An den allermeisten Tagen würde er von seiner Mutter gebracht. Der Vater, den einige der Mitarbeiterinnen als Gäste der Pizzeria kennen, tauche nur sehr selten im Kindergarten auf. Beide Eltern hätten Timo nie verkleidet im Kindergarten erlebt. Dass er gerne Mädchenkleider trage und mit Jungen schmuse, wäre nie Thema in den Gesprächen mit den Eltern gewesen. Allerdings könne sich auch niemand vorstellen, dass der Vater begeistert wäre, seinen Sohn in Frauenkleidern zu sehen.

Nach dem Zusammentragen der unterschiedlichen Beobachtungen und Erfahrungen und den Bemühungen, Timo zu verstehen, geht es darum, darüber ins Gespräch zu kommen, was bei den Erzieherinnen an Gedanken, Gefühlen und Fragen ausgelöst wurde.

Frau Haupenthal, die das Thema einbrachte, sorgt sich: 'Wir dürfen doch als Kindergarten nicht fördern, dass Timo möglicherweise homosexuelle wird und dass er die anderen Jungen dazu verführt, ebenfalls homosexuell zu werden.' Sofort kommt es zu einer ebenso angeregten wie kontroversen Diskussion zu der Bewertung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen. 'Ich kenne schwule Männer, die sind ganz nett und durchaus normal' war eine Meinung. 'Dass die jetzt heiraten dürfen, daran kann ich mich aber nicht gewöhnen' eine andere. Eine Mitarbeiterin sagt: 'Irgendwie bin ich auch selbst so erzogen, dass ich es nicht normal finden kann, wenn schwule Männer offen ihre Sexualität leben, oder sich sogar als schwule Väter bekennen.' Die Mitarbeiterinnen reden über Ihre Gefühle im Zusammenhang mit Homosexualität und tauschen unterschiedliche Erfahrungen zu diesem Thema aus.

Dieser Austausch wird von allen als wichtig und bedeutend angesehen, weil Einstellungen und Gefühle, die durch das Verhalten von Timo geweckt wurden, gezeigt und benannt werden können. Es ist in gewisser Weise befreiend, vieles auszusprechen, was bislang nur insgeheim gedacht worden war. Gleichzeitig wollen die Erzieherinnen aber auch wissen, wie das nun ist mit dem 'Verführen zur Homosexualität' und wer in der Gruppe denn nun Recht hat.


Soweit zunächst zum Verlauf der Teamsupervision. Was lässt sich aus dieser Sitzung verallgemeinern? Was ist grundsätzlich notwendig, um Jungen, die sich wie Timo oder ähnlich verhalten, zu verstehen? Welche Verhaltensweisen sind angemessen, welche Handlungsmöglichkeiten können entwickelt werden, wenn sich Jungen nicht 'jungentypisch' verhalten?


1. Eigene Gefühle wahrnehmen und sich damit auseinandersetzen

Wenn Jungen Frauenkleider anziehen, sich schminken oder mit anderen Jungen schmusen wollen, löst das bei PädagogInnen Gefühle und Empfindungen aus, die sehr unterschiedlich sein können. Möglicherweise kann das Verhalten problemlos und leicht, vielleicht mit einem Schmunzeln aufgenommen werden. Oft kann es aber auch irritierend oder peinlich sein. Vielleicht findet die Erzieherin das Verhalten deplaziert oder sogar krankhaft. Eventuell werden auch Ängste ausgelöst, dass der Junge schwul werden könnte oder ist und dass er es einmal schwer haben wird im Leben. Es entsteht Unsicherheit darüber, wie ein angemessenes Verhalten gegenüber dem Jungen und den Eltern aussehen soll.

Der erste Schritt für ein angebrachtes Verhalten ist das Zulassen dieser Gefühle und die Auseinandersetzung damit.

Wieso wird so schnell gefolgert, dass kleine Jungen, die gerne Mädchenkleider anziehen oder miteinander schmusen auch homosexuell seien? Zunächst zeigt der Junge nur ein Verhalten, dass nicht als jungentypisch gilt: ein Junge, der ein 'richtiger Mann' werden will, macht so etwas nicht. Aber wer sagt das? Vielleicht hat Timo einfach keine Angst, auch mit anderen Jungen zärtlich zu sein. Er sucht möglicherweise ganz unbefangen körperlichen Umgang ohne dem Geschlecht eine besondere Bedeutung beizumessen. Er drückt eine starke Zuneigung für einen anderen Jungen durch entsprechende Gesten aus. Was sollte daran Schlimmes sein? Oft gehen Erwachsene davon aus, dass Zärtlichkeit zwischen Kindern mit den gleichen Gefühlen und Phantasien verbunden ist, wie sie das bei sich selbst erleben. Das ist aber nicht der Fall. Die Zärtlichkeit zwischen Kindern ist intuitiv und spielerisch, unverkrampft, weniger bewusst und kaum zielgerichtet.

Jungen wird insbesondere durch die Medien, aber auch in den Familien und Erziehungseinrichtungen immer noch ein Männerbild vermittelt, dass den alten, überkommenen Rollenstereotypen entspricht. Für Jungen, die natürlich ein 'richtiger Mann' werden wollen, wird es dann mit zunehmendem Alter immer schwieriger, Verhaltensweisen zu leben, die das Gefühl betonen. Ängste und Schwächen zugeben, auf den eigenen Körper zu hören, über Kränkungen zu reden, Zärtlichkeit zu oder Fürsorglichkeit für einem Freund - all dies wird seltener. Jungesein und Mannwerden heißt Abschied zu nehmen von dem, was als 'mädchentypisch' gilt.

Interessant ist auch ein Blick auf die Empfindungen und Reaktionen von Erwachsenen, wenn es nicht um Jungen sondern um Mädchen geht: wenn zwei Mädchen miteinander schmusen, wird das meist nett und lieb, auf keinen Fall verwerflich gefunden. Die Angst darum, dass sie lesbisch seien, taucht weniger auf. Auch der Wunsch eines Mädchens, sich als Mann zu verkleiden, würde vermutlich wenig Irritationen hervorrufen.

Wenn man das Schmusen zwischen zwei Jungen verbietet, lernen sie, dass es unerwünscht und unmännlich ist, zärtliche Gefühle gegenüber anderen Jungen zu zeigen. Dass es für einen Jungen schön sein und Spaß machen kann, den Körper eines anderen Jungen zu berühren, wird immer stärker tabuisiert. Und oft lernen sie gleichzeitig, dass zum Mannsein auch gehört, auch andere Gefühle zu zurückzudrängen, sich immer durchzusetzen und das Weinen zu unterdrücken, selbst wenn die Tränen in den Augen stehen.

 
Also: wenn zwei Jungen miteinander schmusen, muss das nicht zwangsläufig ein Hinweis auf eine sexuelle Orientierung sein. Aber natürlich kann es auch sein, dass sich Timo oder ein anderer Junge später für eine schwule Lebensweise entscheidet. Der Anteil der homosexuellen Männer wird auf 5- 20% geschätzt. Also ist es wahrscheinlich, dass auch in jeder Kindergartengruppe mindestens ein Junge ist, der sich irgendwann homosexuell orientiert. Aber auch hier ist es wichtig zu überprüfen, warum diese Vorstellung möglicherweise Unbehagen bereitet oder verunsichert und welche Einstellung dazu in der Erziehung erworben wurde?

2. Meine Einstellungen zur Homosexualität überprüfen


Die innere Einstellung zur gleichgeschlechtlichen Lebensweise, die durch Erziehung und Sozialisation erworben wurde, hat entscheidenden Einfluss auf die pädagogische Bewertung von Situationen im Alltag. Wenn Jungen gerne Mädchenkleider anziehen, sich schminken oder mit anderen Jungen schmusen wollen, wird die durch die Erziehung erworbene Einstellung präsent und beeinflusst die Bewertung ebenso wie in der Folge die pädagogische Intervention. Deshalb ist es wichtig, dass ErzieherInnen diese Einstellungen auf den Prüfstand stellen. Oft sind es tief sitzende gesellschaftliche Vorurteile, die die innere Einstellung mitgeprägt haben: Homosexualität ist unnatürlich. Alle Schwule sind Tunten. Homosexuelle sind Männer, die kleine Jungen verführen, labil sind und nur Sex wollen. Wer schwul ist, muss unglücklich sein. Nichts von alledem stimmt oder ist belegt. Es sind eben Vorurteile, die aber gesellschaftlich noch sehr stark verwurzelt sind.

Um meine Einstellung zu verändern und Vorurteile abzubauen, ist es notwendig, mein Wissen zu erweitern und Tatsachen zu akzeptieren.

3. Mein Wissen erweitern - Tatsachen akzeptieren

Homosexualität ist eine mögliche sexuelle Orientierung und eine Form zwischenmenschlichen Verhaltens. Sie ist die Liebe zu Menschen des eigenen Geschlechts. Wie bei der Heterosexualität spielen Liebe, Sexualität, Eifersucht, Begehren, Lust und Frust eine Rolle. Auch die Fähigkeit zu erfüllenden, tragfähigen und verantwortungsvollen Partnerschaften und Lebensgemeinschaften sind ebenso vorhanden.


Oft wird die Frage nach der Entstehung oder Herkunft von Homosexualität gestellt. Eine abschließende wissenschaftliche Antwort darauf gibt es nicht. Weltweit nähern sich Wissenschaftler aber dem Schluss, dass Homosexualität 'mit dem Kind auf die Welt kommt'. Aber die Frage ist auch nicht wichtig! Sie ist ebenso bedeutend oder unbedeutend wie die Frage nach der Entstehung von Heterosexualität auch. Hintergrund der Suche nach Ursachen von Homosexualität ist oftmals die Angst, Schuld an der 'Entstehung' zu haben und die Frage danach wie dieser 'Makel' behoben werden kann.


Deshalb ist es - auch für ErzieherInnen in Kindergärten - wichtig, zu wissen, dass durch die Erziehung die sexuelle Orientierung nicht beeinflusst werden kann. ErzieherInnen können in diesem Sinne nichts 'falsch' machen. Auch die Angst, andere Jungen könnten zur Homosexualität verführt werden, ist unbegründet.


Durch gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen wird niemand homosexuell, der es nicht will. Es gibt keine Verführung zur Homosexualität. Folglich kann man Homosexualität auch nicht heilen oder durch Umerziehung 'abstellen'.


ErzieherInnen können aber entscheidend daran mitwirken, dass Jungen Sicherheit bekommen, das zu leben und zu zeigen, was sie fühlen und was zu ihnen gehört. Sie können dazu beitragen, dass sie eine gesunde und starke hetero- oder homosexuelle Identität entwickeln. Dazu gehört auch, dass ErzieherInnen es tolerieren und als wertvoll anerkennen, wenn Jungen sich umarmen oder zärtlich zueinander sind. Und dass man sie schützt, wenn andere sie lächerlich machen wollen.


Kinder müssen darin unterstützt werden, wenn sie gegenseitige Zuneigung ausdrücken - unabhängig davon, welchem Geschlecht sie gilt. Sie brauchen Gewissheit und Bestätigung, so geliebt und gemocht zu werden wie sie sind.
Und wenn es dann noch gelingt, dass ErzieherInnen immer wieder mal einfließen lassen, dass es auch erwachsene Männer gibt, die Männer lieben, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung sexueller Diskriminierung. Für den Jungen in der Gruppe, der irgendwann seine homosexuelle Orientierung entdeckt, kann es hilfreich und unterstützend sein, selbstverständlich und unspektakulär erfahren zu haben, das Heterosexualität nicht das einzige, natürliche und normale Modell menschlicher Sexualität ist.

Zurück zur Supervisionssitzung:


Am Ende der Supervisionssitzung herrscht Zufriedenheit. Die Mitarbeiterinnen finden es gut, Timo und sein Verhalten beleuchtet, eigenen Anteilen nachgespürt und Handlungsmöglichkeiten entwickelt zu haben. Sie haben gemerkt, dass durch das Aussprechen der Gedanken, Ängste und Phantasien, aber auch der eigenen Grenzen ('Das fällt mir schwer.'), schon ein erster wichtiger Schritt getan ist, um mit der Situation umzugehen.


Sie wollen Timo in seinem Verhalten nicht bestärken und ihm etwa zuraten, immer Dornröschen in der Schlussrunde zu spielen. Sie wollen aber auch nicht verhindern, dass er zeigen und leben kann, was zu ihm gehört und seine Identität ausmacht - auch wenn es nicht der Vorstellung des typischen Jungen entspricht. Zu Recht sagt eine Mitarbeiterin zum Schluss aber, damit sei aber noch nicht das ganze Problem gelöst: 'Was machen wir, wenn Timos Vater aufkreuzt und sich eine Duldung der Vorlieben seines Sohnes verbietet? Wie reagieren wir, wenn andere Eltern sich beschweren? Darauf müssen wir vorbereitet sein.'


Damit hat die Kollegin recht. Und die Bearbeitung dieser Frage oder auch die Gestaltung eines Elternabends zum Thema wurde als Wunsch für die nächste Supervision vorgemerkt. Spannend wird es auf jeden Fall.

Glossar


Coming out Damit wird der Prozess bezeichnet, sich selbst als homosexuell zu akzeptieren und dies - in weiteren Schritten - auch anderen mitzuteilen.

Schwul Früher ein Schimpf- und Schmähwort für homosexuelle Männer, wurde von der Schwulen-Bewegung selbst in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen. Heute wird damit nicht nur die sexuelle Orientierung bezeichnet, sondern auch eine selbstbewusste und emanzipierte Lebensweise.

Transexualität Das Gefühl der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht - 'die richtige Seele im falschen Körper'.

Transvestismus ist die Neigung, Kleidung und Verhalten des anderen Geschlechts anzunehmen.

Tunte, Tucke. Bezeichnung für homosexuelle Männer, die weibliche Verhaltensweisen in übertriebener, affektierter Art angenommen haben.

Zum Autor

Lothar Reuter, geb. 1954, Dipl.-Sozialarbeiter, Supervisor (DGSv),
bis 1996 in der Jugend- und Jungenarbeit tätig, seit 1996 Mitarbeiter des Paritätischen Bildungswerks Rheinland-Pfalz/Saarland, von 1996 - 2000
Mitarbeiter des Modellprojektes 'Geschlechstbewusste Jungenarbeit',
seit 2000 Leiter der Fachstelle 'Jungenarbeit Rheinland-Pfalz/Saarland'.
Zudem in freier Praxis als Supervisor tätig.

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