aktualisiert am 27.09.2018


Blicke über den Zaun
Jungenarbeit hat Geschichte und Zukunft

von Reiner Wanielik


Die feministische Bewegung hat in der Vergangenheit eine ganze Generation von männlichen Pädagogen, ob Sozialarbeiter, Heilpädagoge oder Lehramtskandidat, mit ihren Analysen, patriarchatskritischen Diskursen, Forderungen und Programmen in ihrem Denken über Geschlechterverhältnisse beeinflusst. Es entstanden Frauenförderprogramme, Frauennetzwerke organisierten sich und Frauenbeauftragte wurden eingestellt. Kaum eine Stadt oder eine Gemeinde, die nicht an Frauen- oder Mädchentagen ein spezielles, geschlechtsspezifisches Programm anbietet. Im Bund und in fast allen Bundesländern wurden Frauenministerien installiert, die vermehrt die bisher wenig berücksichtigten Bedürfnisse und Belange von Frauen und Mädchen thematisierten und durchsetzten. Frauen mach(t)en sehr deutlich, dass es ihnen um eine gleichberechtigte Teilhabe an gesellschaftlicher Macht und Einfluss geht.



Viele Diskurse drehten sich um männliche Gewalt und gewalt-tätigem Verhalten als männliche Normalität. Zusammen mit dem Thema Sexualität ergaben sich häufig globale Schuldzuweisungen an die Männer als Verursacher von Leiden, Unterdrückung und Krieg. Aus der Abwertung von Männern mit destruktivem Verhalten hat sich nicht selten die Abwertung des Männlichen entwickelt. Den Herausforderungen dieser Frauenbewegung und ihren Programmen haben sich Männer unter-schiedlich gestellt. Viele haben es vorgezogen ja zu sagen - bis der Sturm vorüber ist -, anstatt sich auseinander zusetzen. Dieses Ja- sagen ist manchen Stellungnahmen aus der Jugendarbeit und Männerbewegung noch immer deutlich anzumerken.
Geschlechterkampf?! Für viele junge Frauen ist Gleichberechtigung heute keine Frage des mühsamen Durchsetzens mehr, sondern sie ernten die Früchte eines manchmal sicherlich mühevollen Kampfes starker Frauen. Trotz vieler offensichtlichen positiven Veränderungen im Zusammenleben der Geschlechter sind die Beziehungen von Männern und Frauen, glaubt man zumindest der Fülle von Veröffentlichungen in den Medien zu diesem Thema, ungeklärter denn je. Vielfach wird der Streit, der Geschlechterkampf und das Unbehagen in den Beziehungen zwischen Mann und Frau in die Jungen- und Mädchenarbeit fast 1:1 hineingetragen. Manchmal entsteht der Eindruck, als wird stellvertretend gestritten. Dies verwundert nicht, da es bei Mädchen- und Jungenarbeit immer auch um Klärung von Beziehungen, ja um „Beziehungsarbeit“ geht.

Frauenbewegung und Mädchenarbeit

Aus den patriarchatskritischen Diskursen heraus entwickelte sich Anfang der 70er Jahre ein kritischer Blick von Pädagoginnen auf die traditionell jungenorientierte Jugendarbeit. Eine auch an den Bedürfnissen der Mädchen ausgerichtete Jugendarbeit wurde gefordert. Die Trennung der Geschlechter wurde in der pädagogischen Arbeit durchgesetzt.

Feministische Mädchenarbeit analysiert und kritisiert die ihrer Ansicht nach patriarchalen Gewalt- und Herrschaftsstrukturen und hat die Abschaffung jeglicher Unterdrückung des weiblichen Geschlechts zum Ziel. Sie favorisiert den Entwurf einer eigenständigen weiblichen Gegenkultur. Parteiliche Mädchenarbeit blickt auf eine fast dreißigjährige Tradition zurück. In koedukativen Einrichtungen richteten feministische Mädchenarbeiterinnen Mädchenräume ein, und schufen Öffnungszeiten ausschließlich für Mädchen und junge Frauen in oft speziellen Räumlichkeiten.

In fast allen bundesrepublikanischen Städten gibt es inzwischen Mädchentreffs, Mädchenzentren, Zufluchtshäuser, Wohngruppen und spezielle Mädchenberatungsstellen. Der Frauenbewegung nahe stehende Professorinnen initiierten Mädchenprojekte; Vorlesungen und Seminare mit einem parteilichen Ansatz wurden angeboten und feministische Forschung konnte sich im Wissenschaftsbetrieb etablieren. Eine Fülle von Veröffentlichungen, Studien und Projekten halfen mit, Mädchenarbeit als Standard in der Jugendarbeit durchzusetzen. Mädchenarbeit ist vielfältig ideologisch verortet. Sie reicht von konservativer, Problemgruppen beschreibender Mädchensozialarbeit bis hin zu einem radikal-feministischen Arbeitsansatz. Gemeinsam ist vielen Ansätzen, dass sie Mädchen und auch Frauen mehr oder weniger stark eine Opferrolle zuschreiben.

 
Zur männlichen und weiblichen Sexualität gab und gibt es z.B. recht schlichte Konzepte. Diese einfachen Konzepte bedeuteten aus feministischer Sicht z. B. die Betonung der Polarisierung in männliche „schlechte“, egoistische und genitalfixierte Tätersexualität und in weibliche „gute“ fast „heilige“ ganzheitliche Opfersexualität. Diese Vereinseitigung hat heute vielfach Differenzierungen erfahren, lebt aber immer noch machtvoll in Diskursen und vor allem in den Medien fort. Gewalt scheint immer noch das wesentliche Thema im Zusammenhang mit Bildern und Texten über männliche Sexualität zu sein. Es geht und ging um die Festschreibung von Bildern über männliche Sexualität und männliches Hegemoniestreben, ebenso wie über weibliche Sexualität und weibliches Harmoniestreben. Cornelia Helfferich kritisiert dies scharfsinnig: “In der Interpretation der empirischen Zahlen erscheint dann nur das immer-gleiche Leiden am Patriarchat wie festgefroren, ja es sieht manchmal so aus, als würden die vielen Widersprüche und Heterogenitäten realen körperbezogenen Verhaltens deswegen so rigide reduziert, um dieses Immer-Gleiche des Dramas der Frau im Patriarchat vorzuführen“.


Mit zunehmender Teilhabe an gesellschaftlicher Macht und größerem Einfluss in Politik, Wirtschaft und Familie werden die Widersprüche zwischen zugeschriebener oder selbst gewählter Opferrolle und tatsächlichen Einflussmöglichkeiten und Chancen von Frauen und Mädchen immer größer. In der Mädchenarbeit setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Reservate für Mädchen und Frauen nicht mehr zeitgemäß sind. Auch nutzen sie das Potential von Mädchen ungenügend.

Es geht auch ums Geld

Konkurrenz ist auch ein wesentliches Merkmal der Beziehung zwischen Mädchen- und Jungenarbeit. Der Aufforderung von Frauen auf dem Hintergrund einer angeblich vaterlosen Gesellschaft an männliche Pädagogen und Sozialarbeiter: „Jetzt kümmert euch endlich um die Jungen, das können wir nicht auch noch übernehmen“, folgt der Hinweis, dies gehe nicht mit dem Geld, dass staatlicherseits bisher Frauen- und Mädchenprojekten vorbehalten sei. Als Begründung dient oft noch, dass Jugendarbeit sowieso Jungenarbeit sei und damit genug an Personal, Ressourcen und Räumlichkeiten zur Verfügung stehe.

So verkehrt sind die Argumente ja nicht. Zur Folge hat diese Konkurrenz um öffentliche Mittel leider, dass nicht darüber gestritten wird, was denn inhaltlich zu diesem Zeitpunkt in dieser Einrichtung an geschlechtsspezifischer Arbeit sinnvoll und machbar wäre. Es geht oftmals um die Verteidigung von mühsam erkämpften Territorien. Dadurch, dass in den letzten Jahren das Thema Jungenarbeit, insbesondere unter den Aspekten Gewalt, Rechtsradikalismus und sexuellem Missbrauch starke öffentliche Beachtung gefunden und vor allem Medieninteresse geweckt hat, ist der Eindruck entstanden, in diesen Bereich der sozialen Arbeit seien große Summen an Geld geflossen. Der Größe der öffentlichen Propaganda entsprechen die Aktivitäten, Projekte und auch finanziellen Mittel für diese Arbeit leider in keiner Weise. Jungen- und Männerarbeit befindet sich bei diesem Streit oft in der Defensive. Geld gibt es dann, wenn klar gemacht werden kann, dass die Jungen auch Opfer sind oder wenn es um Gewaltprävention, letztendlich zum Schutz der Mädchen geht.

Die Geldtöpfe für geschlechtsspezifische Arbeit liegen nicht selten in Frauenministerien, bei Gleichstellungsbeauftragten und ähnlichem in den Ländern, Kommunen oder bei den Kirchen. Das hier nicht immer großes Interesse besteht, Männer die Jungenarbeit machen zu unterstützen, ist verständlich. Sichtbar ist aber auch, dass von Frauenseite oft eine größere Aufmerksamkeit gegenüber Projekten zur Jungenarbeit besteht als dies bei Männern in Leitungsfunktionen der Fall ist. Deren Berührungsängste haben wohl auch mit dem offensichtlichen Widerwillen zu tun, sich mit der eigenen Rolle als Mann auseinander zusetzen. Jungenarbeit löst bei den Trägern der sozialen Arbeit und in Länderministerien oft noch Verwunderung aus, die mit der Frage: „Was machen die da eigentlich?“ gut illustriert ist. Trotz aller Veröffentlichungen, Fachtagungen und des veränderten Blicks auf die Jungen, hat Jungenarbeit häufig noch Exotenstatus. Vorlesungen oder Seminare an (Fach-)Hochschulen, staatlich geförderte Projekte oder gar Arbeitsplätze für Jungenarbeiter sind die Ausnahme.

Jungenarbeit in Abgrenzung oder Ergänzung

Wenn denn geschlechtsbewusste, antisexistische, reflektierte, parteiliche, mythopoetische Jungenarbeit oder was der Etikettierungen mehr sind, Reaktionen auf die Forderungen der Frauenbewegung waren und sind, reicht dies heute zur Legitimation von Jungenarbeit nicht mehr aus. Jungenarbeit steckt in ihrem Bezug auf Forderungen der Frauenbewegung und Mädchenarbeit offensichtlich in einem Dilemma. Der Blick auf die Jungen geschieht mit vielen Seitenblicken auf die Mädchen und Frauen. Was bleibt, wenn Forderungen von weiblicher Seite sich ändern? Welchen eigenständigen Wert hat Jungenarbeit neben der Mädchenarbeit, wenn sie sich nur als Ergänzung oder gar Hilfsorgan sieht? Eigensinnigere Konzepte zur Arbeit mit Jungen sind gefragt.

Jungenarbeit befindet sich oft in einem erheblichen Rechtfertigungsdruck. Dieser Eindruck wird verschärft, wenn auch das trivialste erlebnispädagogische Tun mit Jungen dann eine Aufwertung erfährt, wenn es mit dem entsprechenden geschlechtsbewussten Blick und kritisch getan wird. Christian Spoden schreibt im Tagungsband der 2. Fachtagung zur geschlechtsbewussten Jungenarbeit in Rheinland-Pfalz und dem Saarland: “Sicher, auch für die Jungenarbeit gilt, der Zielgruppe ein möglichst niedrigschwelliges Angebot zu machen , die Jungen dort abzuholen, wo sie sind und ihnen nicht eigene Werte und Normen überzustülpen. Das darf jedoch nicht heißen, dort zu bleiben, wo sie (die Jungen) sind! Dem Diskurs der Jungenarbeiter und der Praxis mit den Jungen bleibt es überlassen, diesen Anspruch konkret zu füllen“.


Der bundesrepublikanischen, geschlechtsbewussten Jungenarbeit bescheinigt er, viel zu reden, aber wenig zu tun. Spoden sieht mehr „Mogelpackungen“ als kontinuierliche, das Geschlecht zum Thema machende Jungenarbeit. Dieser selbstkritische Blick auf Jungenarbeit ist richtig und wichtig. Und haben Männer es nicht schon immer verstanden sich, ihre Produkte und Projekte gut zu verkaufen?

Wie kann es weiter gehen?

Nach einer Phase der deutlichen Trennung der Geschlechter in der Jugendarbeit sind Frauen und Männer neugieriger geworden auf das, was wechselseitig in dieser Arbeit passiert. Rigorose Formen der Abgrenzung oder gar Ausgrenzung sind seltener geworden. Mann und Frau riskieren heute mehr Blicke über die Ideologiezäune. Dies führt auch zu einer neuen Diskussion und Bewertung von Koedukation und welche Rolle der geschlechtsspezifische Blick hier spielen kann. Das Wissen über die Gestaltung von Beziehungen zum jeweils anderen Geschlecht und die Erfahrungsräume hierzu anzubieten, ist nicht nur in geschlechtshomogenen Gruppen möglich.

Die Erkenntnis, dass einfache Konzepte weiblicher und männlicher Sexualität und Sozialisation ungeeignet sind, die Vielschichtigkeit der sozialen Wirklichkeit von Männern und Frauen, Mädchen und Jungen auch nur annähernd abzubilden, setzt sich mehr und mehr durch. Dies hilft einer konstruktiven Auseinandersetzung zwischen den PädagogInnen und hilft sowohl der Jungen- als auch der Mädchenarbeit.

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