aktualisiert am 27.09.2018


Jungen auf der Suche nach ihrer männlichen Rolle
von Lothar Reuter
Veröffentlicht in Betrifft: Evangelischer Kindergarten 113/1. Quartal 2011

Entwicklung der Geschlechterrolle ist bei Jungen -ebenso wie bei Mädchen -ein Prozess, der sich zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr gestaltet.

Zunächst werden sie sich des eigenen Geschlechts bewusst (Ich bin ein Junge), dann können sie auch das Geschlecht der anderen bestimmen (andere sind Mädchen oder Jungen), und schließlich wissen Sie, dass sie ihr Geschlecht auch beibehalten werden (Ich bin ein Junge, bleibe ein Junge und werde ein Mann).

Jungen unterscheiden dabei die einzelnen Verhaltensweisen danach, ob diese eher männlich oder weiblich sind. Die Frage, was es heißt, ein Junge zu sein, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Jungen wollen auf der Suche nach ihrer männlichen Rolle wissen, was ein Junge tun oder zeigen muss, was er besser nicht tun oder zeigen sollte und wie er ein 'richtiger' Mann wird.

In ihren unterschiedlichen Lebensräumen Familie, Kindertagesstätte, Grundschule und dem Hort machen sie ihre eigenen Erfahrungen was es heißt, ein Junge zu sein und ein Mann zu werden. Ebenso erfahren und erleben sie es in ihren Freundeskreisen (peer groups) und nicht zuletzt auch durch die Medien.

Fehlende Rollenvorbilder in Familie, Kita und Schule

Ein wesentliches Merkmal der Kindheit für viele Jungen ist ein Mangel an Begleitung und Unterstützung durch Väter und Männer überhaupt. Anders ausgedrückt: Je jünger die Jungen sind, desto weniger Männer begegnen ihnen, die alltagsbezogen und kontinuierlich für sie da sind.

In den meisten modernen Gesellschaften gehört es noch zur Norm und Praxis, dass Frauen in erster Linie das Aufwachsen von Kindern begleiten und für die emotionale und leibliche Versorgung zuständig sind. Nach der letzten großen Männerstudie ist zwar die Anzahl der sogenannten 'Neuen Männer' gestiegen, die Haus-und Familienarbeit mit ihren (Ehe)Frauen partnerschaftlich teilen und ihre Vaterschaft aktiv und fürsorglich wahrnehmen wollen. Gleichwohl sind diese Männer Erwerbsmänner geblieben. Der Zeitaufwand für die Erwerbsarbeit wurde kaum reduziert. Damit fehlt oftmals die kontinuierliche und für den Alltag relevante Begleitung der Jungen durch die Väter.

Welche Konsequenzen hat es für einen Jungen, wenn der Vater als Identifikationsfigur nur unzureichend vorhanden ist?

Sie stehen vor der verzwickten Aufgabe, ihre Geschlechtsidentität in der Abgrenzung von 'Weiblichkeit' und nicht über Identifikation mit einem männlichen Vorbild zu entwickeln. In der Fachsprache ist die Rede vom Autonomie-Dilemma der Jungen.

Diese Erfahrung setzt sich für sie in den Kindertagesstätten und Grundschulen fort. Auch dort erleben sie kaum Männer. Und wenn, dann als Funktionsträger: der Pfarrer, Feuerwehrmann, Zauberer oder Handwerker, der zu Besuch kommt. Auch hier fehlt die kontinuierliche und alltagsrelevante Begleitung der Jungen durch Männer. Die privaten Erfahrungen in der Familie werden damit öffentlich bestätigt und bestärkt.

So erlernen Jungen ihre Geschlechtsrolle weniger in Miterleben und Nachahmung realer männlicher Beispiele, als durch abstrakte Wünsche und Erwartungen weiblicher Erziehungspersonen. Um daraus aber zu einer Identifikation mit dem eigenen Geschlecht zu kommen, lernen Jungen, weibliche Eigenschaften für sich in Frage zu stellen und abzuwerten.

Sehr früh lernen Jungen auch: Frauen und Kinder gehören zusammen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Männer und Kinder gehören nicht zusammen. Und es transportiert die Botschaft: Wenn ich es mit einem Mann zu tun haben will, darf ich mich nicht benehmen wie ein Kind, sondern muss mich benehmen wie ein Mann.

Jungen suchen begehrlich nach männlichen Jungen Vorbildern. Pädagogische Fachkräfte berichten in Fortbildungen oftmals davon, welche Bedeutung ein Zivildienstleistender oder ein männlicher Praktikant für Jungen haben kann. Da aber in der Regel die realen Männer fehlen, weichen sie -notgedrungen -auf fiktive und phantastische Männerbilder aus. In unterschiedlichen Medien, vom Kinderbuch über Comics und Videos bis hin zu den Computerspielen, finden sie ihre neuen, alten Helden.

Auch dadurch lernen Jungen schon sehr früh, dass man bestimmte Eigenschaften benötigt, um dem Männlichkeitsideal zu entsprechen: Gefühle von Traurigkeit, Schmerz, Nachgiebigkeit und Schwäche sind zu kontrollieren oder ganz zu unterdrücken. Zu demonstrieren sind Leistung, Kampf, Konkurrenz und Ausdauer. Abschied nehmen von dem, was als 'mädchentypisch' gilt und sich klar und deutlich vom 'Weiblichen' abzugrenzen gilt als Aufgabe.

Jungen spüren schnell, dass das Zugeben von Ängsten, Schwächen oder auch Unerfahrenheit und Unwissen - also wenn sie sich authentisch verhalten - bei anderen Jungen (und oftmals auch bei Erwachsenen) nicht zur sozialen Anerkennung führt. Oder wie es der Männerforscher Walter Hollstein formulierte: „Jungen müssen vielfach ihre innere Welt leugnen, wenn sie die äußere erobern wollen.“

Was bedeuten diese Gedanken in Bezug auf die pädagogische Arbeit in Tageseinrichtungen für Kinder, die Jungen bei der Suche nach ihrer sozialen Rolle unterstützen will?

Im Rahmen einer Fortbildung haben ErzieherInnen zu dem Thema gearbeitet: „Was brauchen Jungen auf der Suche nach Ihrer männlichen Rolle?“ Dabei sind sie zu folgenden Schlüssen gekommen:

Jungen …
… brauchen Freundschaften und körperliche Nähe
… müssen ihre Kräfte messen
… wollen erforschen und begreifen
… suchen die Anerkennung als Junge
… wollen Grenzen spüren
… bedürfen des Schutzes und der Anerkennung als Opfer
… brauchen männliche Vorbilder
… benötigen Raum und Bewegung
… suchen die Herausforderung
… wünschen sich Rückzugsmöglichkeiten
… wollen basteln und tüffteln

Ich glaube damit hat die Gruppe gut getroffen, was für Jungen notwendig ist.
Besondere Bedeutung hatten auch in dieser Fortbildungsgruppe die fehlenden Männer. Es fehlen Männer, die mit ihren Stärken, Kompetenzen und Talenten, aber auch mit ihren Schwächen, Unzulänglichkeiten und Mängeln zeigen, die mit Jungen in Kontakt treten und ihnen ein alltagsrelevantes und alltagstaugliches Vorbild sind.

Ich will diesen Beitrag mit einigen Anregungen abschließen, die hilfreich sind, Jungen in Tageseinrichtungen für Kinder stärker in den Blick zu nehmen:

… Sind die Innen-und Außenräume so gestaltet, dass sie den Bedürfnissen der Jungen entsprechen?
… Gibt es genügend Gelegenheit und Raum, um sich austoben zu können?
… Besteht die Gelegenheit zum Rückzug in Jungengruppen?
… Wie kann eine Raumaufteilung jenseits geschlechtsstereotyper Festschreibungen gelingen? (Jungen in der Bauecke -Mädchen in der Puppenecke)
… Wird darauf geachtet, dass in Spielmaterial, Büchern usw. Geschlechtsrollenklischees nicht reproduziert und festgeschrieben werden, sondern Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männer in vielfältigen Rollen, Berufen, Fähigkeiten und Eigenschaften gezeigt werden?
… Gibt es genügend 'typisch männliche' Dinge im Kindergarten (Nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen können davon profitieren, wenn mehr 'männliche' Elemente in die Räume und Angebote aufgenommen werden: z. B. Poster mit Rennautos oder Fußballspielern, technische Geräte, grobes Baumaterial, echtes Werkzeug etc.
… Befinden sich im Rollenspielbereich gleichermaßen Utensilien für männliche und weibliche Rollen? (Bauarbeiteranzüge, Arbeitshelme, Anzüge, Krawatten, Uniformen, Werkzeugkoffer, Laptops, Kochmützen, Detektivausrüstungen, Jungenzeitschriften?)
… Wer bekommt von den ErzieherInnen (oder auch Eltern) in welchen Situationen welche Aufmerksamkeit? (z.B. wenn Jungen weinen -wenn Mädchen weinen oder wenn Jungen raufen -wenn Mädchen raufen)
… Inwieweit werden von Jungen und Mädchen bewusst oder unbewusst geschlechtstypische Verhaltensweisen erwartet, verstärkt oder abgelehnt? (Hier lohnt sich immer ein Blick in die eigene Biografie. Was haben ErzieherInnen in ihrer Kindheit in Bezug auf die Geschlechtertolle erworben, was möglicherweise heute noch zum Tragen kommt?)

Der Kindergarten ist ein soziales System, eine Lebenswelt, in der erste und entscheidende Ausgestaltungen von Geschlechterverhältnissen stattfinden. In keinem Fall sollte man unterschätzen, welche Bedeutung Tageseinrichtungen für Kinder in Bezug auf die Entwicklung der geschlechtlichen Identität und Geschlechterrollen haben.

Eine geschlechtsbewusste Erziehung hat zum Ziel, Mädchen und Jungen in der Entfaltung ihrer Fähigkeiten, Interessen und ihrer gesamten Persönlichkeit unabhängig von geschlechtsspezifischen Rollenbildern zu unterstützen. Für Jungen ist es wichtig, dass sie ermuntert werden, sich nicht einengen zu lassen durch ein Korsett der Zuschreibungen zur Geschlechterrolle. Dadurch werden die Handlungsoptionen für ihr weiteres Leben erweitert. Der pädagogischen Arbeit in den Tageseinrichtungen für Kinder fällt zur Erreichung dieses Ziels eine grundlegende Schlüsselrolle zu.

(Lothar Reuter ist Leiter der Fachstelle 'Jungenarbeit Rheinland-Pfalz/Saarland.

Diese unterstützt Mitarbeiter/innen in Einrichtungen der Kinder-und Jugendarbeit in ihrer Arbeit mit Jungen. Sie bietet Teamberatungen, Fortbildungen, pädagogische Tage und Konzeptberatungen für Tageseinrichtungen für Kinder an. Siehe auch: www.jungenarbeit-online.de)
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