aktualisiert am 27.09.2018


Herz, Humor und Härte – eine pädagogische Gratwanderung zwischen Gleichgültigkeit und Macht
von Erwin Germscheid

SZENARIO: Der 12-jährige Daniel ist fest davon überzeugt, dass er am Abend wie geplant mit seinem Kumpel Stefan einige Runden durch den beschaulichen Ort am Rhein drehen darf. Daniel lebt in der Wohngruppe einer stationären Jugendhilfeeinrichtung und bestimmt mit seinem aggressiven Verhalten oft das Geschehen in der Gruppe. Am Morgen hat er 4 Unterrichtsstunden „blau gemacht“. Die diensthabende Erzieherin wurde von der Schule über dieses Fehlen informiert. Daniel will sich am späteren Nachmittag zum geplanten Fahrradfahren bei ihr abmelden, als sie noch damit beschäftigt ist, die Küche aufzuräumen und abzuwaschen. Die Erzieherin erklärt ihm, dass er ja am Morgen bereits genug Freizeit hatte und er sich jetzt an seine Schulaufgaben setzen solle.

Daniel ist in der Vergangenheit schon oft verbal als auch körperlich ausgerastet. Diesmal bleibt es bei übelsten, lautstarken Beschimpfungen mit Türenschlagen usw. Er verzieht sich anschließend auf sein Zimmer. Nach einigen Schrecksekunden widmet sich die Erzieherin wieder den anderen Jugendlichen und ist mit ihnen im Gespräch, als Daniel nach ca. 20 Minuten dazu stößt. Er versucht sich nett in das Gespräch einzubringen und fragt die Erzieherin, ob er sich einen Apfel holen dürfe. Die Erzieherin, zwar noch verärgert, aber andererseits froh, dass die Situation nicht weiter eskaliert ist, gibt Daniel die Erlaubnis sich einen Apfel zu holen. 

Solche oder ähnliche Situationen spielen sich vermutlich täglich viele Male in Einrichtungen der Jugendhilfe ab und die Reaktion der Erzieherin ist nachzuvollziehen. Viele LeserInnen mögen jetzt denken, dass diese Situation doch einigermaßen glimpflich abgelaufen sei und insofern keine Kritik geäußert werden müsse. Doch im Folgenden wird der Versuch unternommen, aus pädagogischer Sicht andere Interventionen vorzuschlagen und zu entwickeln und das bei einem Fall, der so ähnlich eben auch in der Schule oder im Elternhaus hätte stattfinden können. Denn hier geht es nicht um spektakuläre Gewalttaten, sondern um Grenzverletzungen ohne deutliche Konsequenzen. 


Die konfrontative Pädagogik
 
Eine pädagogische Haltung, die für zur Vorbeugung als auch zur Nachbearbeitung eskalierender Situationen bestens geeignet scheint, ist die konfrontative Pädagogik. Leider wird die konfrontative Pädagogik häufig mit zweifelhaften Methoden in Zusammenhang gebracht.  

15-minütige Dokus über Bootcamps, Trainings mit Gewalttätern, heiße Stühle und Bauernhöfe für gewaltbereite Jugendliche, die in Sumpflöchern 100 Liegestütze machen, zeigen oft nur kritische Verfahren, die aus ihrem Zusammenhang gerissen sind, ohne dabei auf den langen Entwicklungsweg der Beteiligten hinzuweisen und ohne auf die Beziehungen z.B. zwischen Jugendlichem und Pädagogen einzugehen. Mittlerweile gibt es einige Experten im deutschsprachigen Raum, die mit praxiserprobten Konzepten, vor allem in der Arbeit mit straffälligen und gewaltbereiten Menschen vielversprechende Erfolge vorzuweisen haben. Allen voran hat es Prof. Jens Weidner geschafft, die pädagogische Landschaft in Deutschland durch die als Ergänzung - und nicht als Königsweg - zu verstehende Erziehungshaltung der Konfrontation zu bereichern.

Pole der Erziehung 
Doch es scheint so zu sein, dass die Pole unterschiedlicher Erziehungshaltungen immer weiter auseinander driften. Da sind auf der einen Seite die bemühten, fürsorglichen „Erzieher“, egal ob familiär oder professionell, die eher verständnisvoll, verhandelnd, nachgiebig agieren und auf der anderen Seite diejenigen, die Disziplin und die harte Hand bevorzugen und autoritär und permissiv agieren. Dazwischen scheint es viele zu geben, die resigniert haben und kein wirkliches Erziehungskonzept verfolgen, die Erziehung lieber anderen - z.B. dem Fernseher - überlassen. Bernhard Bueb erklärt dazu in seinem Buch „Lob der Disziplin“: „Wir wachsen alle in einer Kultur auf, in der Härte und Strenge den Geruch des Unmenschlichen an sich haben, wir fürchten die Zuneigung von Kindern und Jugendlichen durch Konsequenz zu verlieren und sind um die psychischen Folgen von Disziplin besorgt.“ (S. 31) 

Der konfrontativ-provokative Ansatz 
Doch eine erzieherische Grundhaltung, die man als Konfrontationspädagogik bezeichnen kann, bedeutet weit mehr als nur harte Arbeit in befristeten Trainingsgruppen, die sich ausschließlich an Gewalttäter richtet. Sie kann zu einem Erziehungsstil und zu einem Aspekt der eigenen Lebenseinstellung werden. Somit kann sie auch Teil der täglichen Erziehungspraxis werden. Doch damit Konfrontation nicht zum abwertenden, ablehnenden, lieblosen und verletzenden Kommunikationsmuster wird, muss sie mit den „Zutaten“ einer liebe- und humorvollen Grundhaltung angereichert werden. 

Dazu ist der provokative Stil, der vor allem von Dr. Noni Höfner aus der provokativen Therapie Frank Farrellys heraus für den deutschsprachigen Raum modifiziert wurde, die richtige Ergänzung.

Betrachten wir uns noch mal den geschilderten Fall von Daniel: Eine konfrontative- provokative Grundhaltung als pädagogisches Verständnis innerhalb einer Institution erfordert weit mehr als situative Konfrontation. Sie sollte durch alle Ebenen einer Einrichtung gewollt sein und praktiziert werden. 


Die Sensibilisierung der MitarbeiterInnen für das richtige „sichere“ Setting gehört hier dazu. So sollte die Erzieherin, die die “Ausraster“ von Daniel kannte, die Sanktion …“du darfst heute nicht mehr raus“ nicht nebenbei in der Küche offenbaren. Das Gespräch könnte z.B. 5 Minuten aufgeschoben werden. „.. bitte warte einen Moment, ich werde gleich mit dir darüber sprechen!“ Eine nachdrückliche Bitte, dass er sich z.B. noch mal kurz auf den Stuhl setzen soll, weil sie gerade noch beschäftigt ist, hilft nonverbal, eine adäquate Statussituation herzustellen. Danach folgt die Konfrontation der Erzieherin mit dem Regelverstoß und der daraus resultierenden und zu begründeten Sanktion. In dieser Phase sollte die Erzieherin aber ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit für Daniel haben, weil sie nur dann ihre autoritative Führung (vgl. Weidner) und gleichzeitige Wertschätzung verbal und nonverbal ausdrückt. Gleichzeitig muss u.U. beharrlich der lautstarken und einschüchternden „Argumentation“ von Daniel auf der Sachebene begegnet werden, ohne sich dabei in einen „Beziehungsclinch“ hineinziehen zu lassen. 
 

Sollte Daniel dennoch ausrasten und wutentbrannt, beleidigend und Türen schlagend in sein Zimmer rennen, sollte die Situation des „Wiederkommens“ anders gestaltet werden. Auch hier gilt, dass die Erzieherin „das Drehbuch schreibt“ und nicht Daniel. Dem Ärger und der Wut der Erzieherin, die sich die Beleidigungen anhören musste, sollte sich Daniel zeitnah stellen müssen. Statt innerlich brodelnd, aber äußerlich eher distanziert und harmonisierend zu kommunizieren, wäre es - im Sinne der eigenen Authentizität - wichtig, Daniel damit zu konfrontieren, dass er gerade Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens verletzt hat. Er sollte sich z.B. mit der Frage beschäftigen müssen: „Was tust du der Gruppe jetzt Gutes zum Ausgleich?“. Dabei geht es dann nicht um Schuldzuweisung, sondern um Verantwortungsübernahme für das eigene Verhalten und das Wohlergehen der Anderen. Die gut dosierte Konfrontation mit dem eigenen destruktiven Verhalten, die Rückmeldung über deren Wirkungen, das provozierende Zur-Verfügung-Stellen von Bildern und Assoziationen ermöglicht eine emotionale Beteiligung von Daniel. Diese emotionale Beteiligung oder auch Verankerung hat eine Art Depotwirkung, die es Daniel zunehmend schwierig machen wird, sein Verhalten auf Dauer unverändert fortzusetzen. Gerade im professionellen Kontext erfordert diese Situation von den Fachkräften ein hohes Maß an Reflexionsbereitschaft.

Eine knappe Essenz aus dem vorangegangenen Beispiel ist: Immer dann, wenn Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen nicht in die Auseinandersetzung gehen, weil sie deren Folgen befürchten, nehmen sie ihre Erziehungsverantwortung nicht an. Hier ist es im autoritativen Sinne notwendig, Regeln und Grenzen gemeinsam auszuhandeln, Konsequenzen für Überschreitungen zu vereinbaren, die für ALLE gelten. 

Hingegen sind autoritäre Erwachsene, die ohne vorherige Absprachen willkürliche Strafen aussprechen und sich selbst wenig verbindlich und konsistent gegenüber Heranwachsenden verhalten, in destruktiver Weise über das Ziel deutlich hinaus geschossen. 

Eine konfrontativ-provokative Erziehungshaltung ist von Herzlichkeit und Humor geprägt und wird –wenn es erforderlich ist- durch konsequente, transparente und beharrliche Interventionen ergänzt. Denn wenn ich mich für einen Menschen interessiere, meine Wahrnehmung ernst nehme und darüber hinaus noch in gewissem Maße Verantwortung für das Wohlergehen dieses Menschen habe, darf mir ein schädigendes und grenzüberschreitendes Verhalten nicht gleichgültig sein. 

Literatur:
Bernhard Bueb, Lob der Disziplin, List Verlag, 2006
Jens Weidner u.a., Konfrontative Pädagogik, Verlag für Sozialwissenschaften
Frank Farrelly, Provokative Therapie, Springer Verlag
 

Links zur Information:
www.ihi-rodenbach.de
www.provokativ.com
www.konfrontationspaedagogik.de
www.germscheid-concept.de
www.jungenarbeit-online.de
www.prof-jens-weidner.de 


Erwin Germscheid
, Jahrgang 1967 ist Sozialpädagoge und Konfrontationspädagoge. Er hat einen Lehrauftrag an der Uni Koblenz-Landau, ist freier Mitarbeiter der Fachstelle Jungenarbeit Rheinland/Pfalz u. Saarland und Supervisor (DGSv). Er bildet am IHI-Rodenbach pädagogische Fachkräfte zu Konfrontationspädagogen aus und bietet Fortbildung zu den Themen Kommunikation, Konflikt und Gewalt im deutschsprachigen Europa an. Neben einer Ausbildung als EMDR-Coach (PAPB) absolvierte er Seminare bei Frank Farrelly und Noni Höfner beim D.I.P. München.

 

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