aktualisiert am 27.09.2018


Jungen im Blick

von Lothar Reuter

Veröffentlicht in KiTa aktuell, Dezember 2005,
ISSN 1437 - 1790

In diesem Beitrag wird zunächst grundlegend der Begriff „Geschlecht“ erläutert bevor ausgesuchte Phänomene in der Entwicklung von Jungen dargestellt werden. Auf den Aspekt der fehlenden Männer in der Arbeit mit Kindern wird dabei ein besonderes Augenmerk gelegt. Auf dieser Grundlage wird beschrieben, was Jungen brauchen. Der Beitrag schließt mit einigen Impulsen zur Weiterarbeit am Geschlechterthema in Tageseinrichtungen für Kinder.

von Lothar Reuter

 

Die Jungen im Blick

Schon oft erlebt – die erste Frage nach dem Blick in den Kinderwagen: 'Was ist es denn -  ein Junge oder ein Mädchen?'  Bei Begegnungen am Arbeitsplatz, im Rahmen einer privaten Feier oder öffentlich im Supermarkt: das Erste, was wir von einem Menschen wahrnehmen, ist sein Geschlecht.  Es ist uns wichtig, ob wir es mit Frauen oder Männern zu tun haben. Auch in Tageseinrichtungen für Kinder spielt das Geschlecht eine bedeutende Rolle.

Den Begriff Geschlecht will ich zunächst erläutern: Anders als die deutsche Sprache differenziert die englische Sprache den Begriff Geschlecht in zwei Aspekte: Die biologischen Aspekte von Geschlecht werden mit dem Begriff „sex“ umschrieben, die sozialen und kulturellen Aspekte von Geschlecht werden durch den Begriff „gender“ ausgedrückt. Allein schon durch diese Differenzierung wird deutlich, dass es zwischen den Geschlechtern sowohl biologische als auch soziale, kulturelle Unterschiede gibt.

Der biologische Unterschied besteht im Wesentlichen aus der Zusammensetzung von Chromosomen, die für die Produktion der entsprechenden Hormone verantwortlich sind. Er beeinflusst damit Gefühle, Empfindungen und Verhalten. Das biologische Geschlecht ist von Geburt an gegeben und nicht veränderbar. Nur Frauen können Kinder gebären und nur Männer können Kinder zeugen. Trotz aller möglichen gesellschaftlichen und kulturellen Diskussionen und Entwicklungen wird dies so bleiben.  

 

„Gender“ meint das soziale, gesellschaftlich und kulturell geprägte Geschlecht, das sich in unterschiedlichen Verhaltensweisen, Haltungen, Interessen, Bedürfnissen und Kompetenzen bei Männern und Frauen wie auch bei Jungen und Mädchen ausdrückt. Im Gegensatz zu dem biologischen Geschlecht ist das sozial-kulturell geprägte Geschlecht durch Sozialisation erworben, also erlernt – und damit veränder- und beeinflussbar. Frauen und Männer können sich gleichermaßen um alte und kranke Menschen oder eben um Kinder kümmern. Es gibt keine biologische Erklärung dafür, dass beispielsweise in Tageseinrichtungen für Kinder zu 95% Frauen und nur zu 5% Männer arbeiten.

 

In Fortbildungen erleben wir oft, dass ErzieherInnen die Frage nach der Ursache für bestimmtes Verhalten von Kindern beschäftigt.  Wenn z.B. Jungen viel Bewegungsdrang haben, öfter raufen, lieber mit Autos als mit Puppen spielen – ist es „angeborenes“ oder  „anerzogenes“ Verhalten?  In der Geschlechter- und Sozialisationsforschung gibt es an dieser Stelle keine Einigkeit.  Sicher wirken beide Aspekte bei der Ausbildung der Geschlechterrolle zusammen. Entscheidend ist, dass der durch Erziehung erworbene Teil – also der Gender-Aspekt – in starkem Maß die Entwicklung der Geschlechterrolle beeinflusst. Gleichzeitig kann hier die pädagogische Arbeit wirkungsvoll ansetzen und dazu beitragen, dass bestimmte geschlechtsbezogene Verhaltensweisen gefördert, verstärkt oder gehemmt werden können.

 

Unter dem Gender-Aspekt sollen im Folgenden einige Aspekte in der Entwicklung von Jungen aufgezeigt werden.


 

Ausgewählte Aspekte in der Entwicklung von Jungen

 

Ein Junge zu sein, heißt immer auch, ein Mann zu werden. Wie werden Jungen zu Männern? Wie lernen sie, was es heißt, ein „richtiger Mann“ zu sein? Zu diesen Fragen machen Jungen in ihren unterschiedlichen Lebensräumen Erfahrungen.

 

Was es heißt ein, „richtiger Mann“ zu werden, erfahren und erleben Jungen in der Familie, erfahren und erleben sie im Kindergarten, der Kindertagesstätte oder im Hort, später dann in der Schule. Was es heißt, ein Junge zu sein und Mann zu werden, erfahren und erleben sie auch in ihren Freundeskreisen (peer groups) und sicher nicht zuletzt steuern auch die Medien einen Teil zur Entwicklung des Männerbildes bei.

 

Dabei gehört es schon fast zum Allgemeinwissen, dass Jungen in aller Regel zu wenig an Erfahrungen mit dem Vater oder Männern überhaupt haben. Es gibt für sie oftmals zu wenig Raum, um „jungentypisches“ Verhalten zu erwerben. Sicherlich gibt es viele Väter, die sich nach Feierabend rührend um ihre Kinder kümmern. In der Regel sind sie aber zuständig für besondere Situationen: spektakuläre Unternehmungen, Wochenendaktionen oder nur als Strafinstanz. Nach wie vor gibt es aber erwiesenermaßen nur wenige Männer, die kontinuierlich und alltagsrelevant die Versorgung der Kinder mit übernehmen. 

 

Was bedeutet es für den Jungen, wenn der Vater als Identifikationsfigur nur unzureichend vorhanden ist?  Er steht vor der verzwickten Aufgabe, seine Geschlechtsidentität in der Abgrenzung von „Weiblichkeit“ und nicht über Identifikation mit einem männlichen Vorbild nachzuleben zu entwickeln.

 

In der weiteren Entwicklung des Jungen wird diese „private“ Erfahrung öffentlich bestätigt und intensiviert. Auch weiterhin sind es in erster Linien Frauen, die für die Erziehung zuständig sind. Diese Erfahrung machen die Jungen zunächst im Kindergarten, danach auch in der Grundschule. Männer sind in diesen Einrichtungen kaum zu finden. Und wenn, dann – wie im Privaten – als Funktionsträger zuständig für besondere Situationen:  Leiter, Trägervertreter, Hausmeister oder der Zauberer der als Event zu Besuch kommt.

 

Sehr früh lernen Jungen: Frauen und Kinder gehören zusammen. Im Umkehrschluss lernen sie damit auch: Männer und Kinder gehören nicht zusammen. Und: Wenn ich es mit einem Mann zu tun haben will, darf ich mich nicht benehmen wie ein Kind, sondern muss mich benehmen wie ein Mann.

 

Jungen suchen begehrlich nach lebendigen männlichen Vorbildern. Erzieherinnen berichten in Fortbildungen oftmals davon, welche Bedeutung ein Zivildienstleistender oder ein männlicher Praktikant für Jungen haben kann. In Ermangelung an bewussten und leibhaftigen Vorbildern weichen sie dann notgedrungen auf unwirkliche, phantastische Modelle aus.

 

Auch dadurch lernen Jungen schon sehr früh, dass man bestimmte Eigenschaften benötigt, um dem Männlichkeitsideal zu entsprechen: Gefühle von Traurigkeit, Schmerz, Nachgiebigkeit und Schwäche sind zu kontrollieren oder ganz zu unterdrücken – zu demonstrieren sind Leistung, Kampf, Konkurrenz und Ausdauer. Jungesein und Mannwerden heißt Abschied nehmen von dem, was als „mädchentypisch“ gilt – und sich klar und deutlich vom „Weiblichen“ abgrenzen.


 

Natürlich haben und kennen Jungen all diese Gefühle wie Angst, Furcht, Verzweiflung oder Panik. Mit zunehmendem Alter lernen sie aber, diese stärker unter Kontrolle zu halten und weniger einzugestehen. Jungen zeigen dadurch oftmals eine ambivalente Haltung: Schwächen zeigen und Hilfe in Anspruch nehmen ist auf der einen Seite Erlösung und Befreiung, auf der anderen Seite seelische Katastrophe und „sozialer“ Untergang. Diesen inneren Konflikt erleben ErzieherInnen, wenn ihnen ein Junge zunächst als mutiger, furchtloser und kämpferischer kleiner Macho begegnet und kurze Zeit später verzweifelt, schluchzend und Hilfe suchend gerannt kommt.    

 

Jungen spüren schnell, dass das Zugeben von Ängsten, Schwächen oder auch Unerfahrenheit und Unwissen – also wenn sie sich authentisch verhalten -  bei anderen Jungen (und oftmals auch bei Erwachsenen) nicht zur sozialen Anerkennung führt. Oder wie es der Männerforsche Walter Hollstein formulierte: „Jungen müssen ihre innere Welt leugnen, wenn sie die äußere erobern wollen.“ 

 

 

Was bedeuten diese Gedanken in Bezug auf die pädagogische Arbeit in Tageseinrichtungen für Kinder, die Jungen und ihrer Situation gerecht werden will?

 

Im Rahmen einer Fortbildung haben ErzieherInnen zu dem Thema gearbeitet: „Was

brauchen Jungen?“ Dabei sind sie zu folgenden Schlüssen gekommen:

Jungen…

…brauchen Freundschaften und körperliche Nähe

…müssen ihre Kräfte messen

…wollen erforschen und begreifen

…suchen die Anerkennung als Junge

…wollen Grenzen spüren

…bedürfen des Schutzes und der Anerkennung als Opfer

…brauchen männlichen Vorbilder

…benötigen Raum und Bewegung

…suchen die Herausforderung

…wünschen sich Rückzugsmöglichkeiten

…wollen basteln und tüfteln

 

Ich glaube, damit hat die Gruppe gut getroffen, was für Jungen notwendig ist.

Besondere Bedeutung hatten auch in dieser Fortbildungsgruppe auch die fehlenden Männer. Es fehlen Männer, die sich mit ihren Stärken, Talenten und Kompetenzen, aber auch mit ihren Schwächen, Unzulänglichkeiten und Mängeln zeigen, mit den Jungen in Kontakt gehen und ihnen ein alltagsrelevantes und alltagstaugliches Vorbild sind.

 

Es ist nicht verwunderlich, dass der Anteil männlicher Mitarbeiter in Tageseinrichtungen für Kinder seit Jahren unverändert gering ist. Ich glaube, dass dies entscheidend damit zusammenhängt, dass es in unserer Gesellschaft immer noch als unmännlich gilt, sich mit kleinen Kindern zu beschäftigen. Wenn Männer sich mit kleinen Kindern beschäftigen, machen sie sich leicht verdächtig und nähren oftmals auch Phantasien zu Missbrauch oder Pädophilie. In der der Konsequenz nehmen sie sich vielfach in der Inszenierung ihrer Männlichkeit zurück. Ein Erzieher erzählte im Rahmen einer Fortbildung, dass er immer eine weibliche Kollegin rufen müsse, wenn ein Jungen oder Mädchen zur Toilette begleitet werden müsse. Die Leiterin würde sich dies so wünschen, um Ärger mit den Eltern zu vermeiden. Der Generalverdacht des sexuellen Missbrauchs wird dadurch bestätigt und genährt. Es wäre fatal zu glauben, dass dies auf die Jungen keine Wirkung hätte. Obwohl ein Mann in der KiTa arbeitet, erleben sie wieder, wofür Männer und wofür Frauen zuständig sind. Wäre es nicht sinnvoller, offen und transparent damit umzugehen und vielleicht einen Elternabend zu dem Thema „Jungen in der KiTa – Männer in der KiTa durchzuführen?“

 

Ich will diesen Beitrag mit einigen Anregungen abschließen, durch die Jungen in Tageseinrichtungen für Kinder stärker in den Blick genommen werden können (die gleichen Anregungen könnten natürlich auch für die Reflexion der Arbeit mit Mädchen unterstützend sein).

 

·         Sind die Innen- und Außenräume so gestaltet dass sie den Bedürfnissen der Jungen entsprechen?

 

·         Gibt es genügend Gelegenheit und Raum, um sich austoben zu können?

 

·         Besteht die Gelegenheit zum Rückzug in Jungengruppen?

 

·         Wie kann eine Raumaufteilung jenseits geschlechtsstereotyper Festschreibungen gelingen? (Jungen in der Bauecke – Mädchen in der Puppenecke)

 

·         Wird darauf geachtet, dass in Spielmaterial, Büchern usw. Geschlechtsrollenklischees nicht reproduziert und festgeschrieben werden, sondern Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männer in vielfältigen Rollen, Berufen, Fähigkeiten und Eigenschaften gezeigt werden?

 

·         Gibt es genügend 'typisch männliche' Dinge im Kindergarten (Nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen können davon profitieren, wenn mehr “männliche“ Elemente in die Räume und Angebote aufgenommen werden: Poster mit Rennautos oder Fußballspielern, technische Geräte, grobes Baumaterial, echtes Werkzeug etc.

 

·         Wie werden Jungen von den Eltern gebracht und abgeholt? Was unterscheidet sich zur Bring- und Abholsituation von Mädchen?

 

·         Befinden sich im Rollenspielbereich gleichermaßen Utensilien für männliche und weibliche Rollen?  (Bauarbeiteranzüge, Arbeitshelme, Anzüge, Krawatten, Uniformen,  Werkzeugkoffer, Laptops, Kochmützen, Detektivausrüstungen, Jungenzeitschriften?) All das ist ebenso nicht nur für Jungen interessant. Die bewusste Auswahl von Spielmaterialien ermutigt Jungen wie Mädchen, Kompetenzen zu entwickeln, die traditionell dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden.

 

·         Wer bekommt von der ErzieherInnen (oder auch Eltern)  in welchen Situationen welche Aufmerksamkeit? (z.B. wenn Jungen weinen -  wenn Mädchen weinen oder wenn Jungen raufen – wenn Mädchen raufen)

 

·         Inwieweit werden von Jungen und Mädchen bewusst oder unbewusst geschlechtstypische Verhaltensweisen erwartet, verstärkt oder abgelehnt? (Hier lohnt sich immer ein Blick in die eigene Biografie. Was haben ErzieherInnen in ihrer Kindheit in Bezug auf die Geschlechterrolle erworben, was möglicherweise heute noch zum Tragen kommt?)

 

Der Kindergarten ist ein soziales System, eine Lebenswelt, in der erste und entscheidende Ausgestaltungen von Geschlechterverhältnissen stattfinden. In keinem Fall sollte man unterschätzen welche Bedeutung Tageseinrichtungen für Kinder in Bezug auf die Entwicklung der geschlechtlichen Identität und Geschlechterrollen hat.

 

Eine geschlechtsbewusste Erziehung hat zum Ziel, Mädchen und Jungen in der Entfaltung ihrer Fähigkeiten, Interessen und ihrer gesamten Persönlichkeit unabhängig von geschlechtsspezifischen Rollenbildern zu unterstützen. Das einengende Korsett der Zuschreibungen zur Geschlechterrolle wird dadurch aufgeschnürt und die Handlungsoptionen für Jungen und Mädchen werden erweitert. Der pädagogischen Arbeit in den Tageseinrichtungen für Kinder fällt zur Erreichung dieses Ziels eine grundlegende  Schlüsselrolle zu. 

 


 

Literatur

Blank-Mathieu: Jungen im Kindergarten. Frankfurt/Main 1996

 

Büttner, Christian / Nagel, Gudrun: Alles Machos und Zicken? Zur Gleichstellung von Jungen und Mädchen in Kindertageseinrichtungen. Seelze-Velber 2003

 

Neutzling, Reiner / Schnack, Dieter: Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit. Reinbek bei Hamburg 2000

 

Rabe-Kleberg, Ursula: Gender Mainstreaming und Kindergarten. Weinheim 2003

 

Rohrmann, Tim / Thoma, Peter: Jungen in Kindertagesstätten. Braunschweig 1997

 

Rohrmann, Tim: Echte Kerle. Jungen und ihre Helden. Reinbek bei Hamburg 2001 

 

Zum Autor:

Lothar Reuter, geb. 1954, Dipl.-Sozialarbeiter, Supervisor (DGSv), bis 1996 in der Jugend- und Jungenarbeit tätig, seit 1996 Mitarbeiter des Paritätischen Bildungswerks Rheinland-Pfalz/Saarland, von 1996 – 2000 Mitarbeiter des Modellprojektes „Geschlechtsbewusste Jungenarbeit“, seit 2000 Leiter der Fachstelle „Jungenarbeit Rheinland-Pfalz/Saarland“.  Zudem in freier Praxis als Supervisor tätig 

 

Anschrift:

Lothar Reuter

Paritätisches Bildungswerk Rheinland-Pfalz/Saarland e.V.

Feldmannstraße 92

66119 Saarbrücken

Telefon 0681-92660-22 

 

Die Fachstelle Jungenarbeit Rheinland-Pfalz/Saarland unterstützt MitarbeiterInnen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit in ihrer Arbeit mit Jungen. Sie bietet Teamberatungen, Fortbildungen, Fachtage, Konzeptberatungen und Gender-Trainings an.

 

Kontakt: siehe www.jungenarbeit-online.de.

 

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